Exkursion ins zweisprachige Kärnten

20.07.2018

von Leonard Brandbeck, Katharina Meissl und León Schellhaas

Die Exkursion des Masterstudiengangs Angewandte Linguistik im Rahmen des Moduls Sprachlehrforschung, Sprachlernforschung und Sprachenpolitik I führte im zurückliegenden Sommersemester ins zweisprachige Kärnten. Unter der Leitung von Herrn Prof. de Cillia, Frau Prof. Vetter und Herrn Prof. Spitzmüller nahmen Ende Mai zehn Studierende sowie drei Doktorandinnen an der zweitägigen Lehrfahrt teil. Auf dem Reiseplan standen die Landeshauptstadt Klagenfurt/Celovec sowie Bad Eisenkappel/Železna Kapla, um an diesen Orten einen Einblick in die zwei- bzw. mehrsprachige Kultur zu gewinnen.

Frühmorgens machte sich unsere Gruppe also am Montag, den 28. Mai, zum Wiener Hauptbahnhof auf, um gemeinsam den InterCity nach Klagenfurt zu besteigen. Auf die mittägliche Ankunft in Kärnten folgte sogleich der Programmpunkt “entdeckendes Streunen”. Hierzu hatten sich bereits im Vorfeld Kleingruppen mit unterschiedlichen Interessensgebieten formiert, um sich mit verschiedenen Themen vor Ort in detaillierterer Art und Weise auseinanderzusetzen. Die Gruppen schwärmten also zu diversen Terminen und Vorhaben aus.

Zwei Kolleg_innen nahmen die Linguistic Landscapes in der Innenstadt unter die Lupe, während sich eine weitere Kollegin zum Miniaturenpark Minimundus aufmachte, um sich dort die mehrsprachigen Aufschriften anzusehen. Das geschah mit besonderem Augenmerk auf Slowenisch als Minderheitensprache. Auch an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt wurde auf dem Rückweg ein Zwischenstopp eingelegt. Im Minimundus sind vor allem die vier Sprachen Deutsch, Englisch, Italienisch und Slowenisch zu finden, jedoch nicht gleichberechtigt. Deutsch ist in allen Bereichen die dominante Sprache, während Slowenisch lediglich als eine weitere Fremdsprache und nicht als Minderheitensprache zum Einsatz kommt. Beschriftungen in der Universität sind großteils monolingual Deutsch, nur an einigen Orten ist zusätzlich auch Slowenisch zu finden. In der Innenstadt wurden ebenfalls vor allem Deutsch, Englisch, Italienisch und Slowenisch gefunden, wobei die Kombination aller Sprachen nur im Bereich von Tourismus und Veranstaltungen sichtbar wurde. In der Gegend rund um den Dom, in der sich vermehrt kulturelle Institutionen der Kärntnerslowen_innen befinden, gab es teilweise sogar monolingual slowenische Beschriftungen, häufiger trat es jedoch gemeinsam mit Deutsch auf.

Eine weitere Dreiergruppe wurde in der zweisprachigen Buchhandlung Haček herzlich empfangen und durfte ein ausgedehntes Gespräch mit der ehemaligen Geschäftsführerin und Chefin des zweisprachigen Buchverlags Drava führen. Sie schilderte Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts und deren Auswirkungen auf die heutige Situation der Kärnterslowen_innen sowie deren literarisches Schaffen. Außerdem berichtete sie von überregionalen Vernetzungen mit anderen benachteiligten Gruppen in Österreich. Als Kontrast zu dem politisch links angesiedelten Haček ging es zum katholisch-konservativen Verein Hermagoras. Ganz unverhofft erhielten wir statt einer kleinen Führung durch die Buchhandlung einen Rundgang durch das Areal in der Kärntner Innenstadt, auf dem die größten Institutionen des Vereins angesiedelt sind. Buchhandlung, Verlag,  Kindergarten, Volksschule und Veranstaltungssaal befinden sich rund um einen Innenhof. Der Geschäftsführer von Hermagoras informierte über die zahlreichen Tätigkeiten des Vereins und begleitete die Kolleg_innen anschließend ins Volkskunde-Institut Urban Jarnik, bei dem sie Einblicke in etliche vergangene, laufende und zukünftige Projekte erhielten. Mit großem Enthusiasmus präsentierte die Institutsleiterin kürzlich fertiggestellte Landkarten mit slowenischen Flurnamen, slowenische Liederbücher und vieles mehr.

Vier Kolleginnen besuchten den zweisprachigen Kindergarten Sonce. Dort führten zwei von ihnen ein Interview mit der Kindergartenleiterin, das einen Einblick in die grundsätzliche Struktur des Kindergartens, den generellen Tagesablauf und den persönlichen Hintergrund der Kinder und Betreuerinnen gewährte. Ziel war es, mittels der Methode des Linguistic Soundscaping zu ergründen, auf welchen Sprachen sich die Kinder bei ihren jeweiligen Aktivitäten unterhalten, was sich jedoch aufgrund deren Konzentration auf die deutschsprachigen Besucherinnen als recht schwierig gestaltete. Einen ausführlicheren Einblick erhält man ebenfalls auf der separaten Website https://jilmanicole.wixsite.com/projektkaernten.

Zwei weitere Kolleginnen sprachen unterdessen mit einer Kindergartenpädagogin. Sie gab Einblicke in die Zusammenarbeit mit Logopäd_innen sowie die spielerische Förderung von Kindern mit Sprachauffälligkeiten, die ihnen in der Regel das Aufholen sprachlicher Differenzen und das Erreichen eines zweisprachigen Normalniveaus vor Schuleintritt ermöglichen. Im Fokus steht dabei die Vermittlung von Freude an Sprache und Sprechen sowie ein positiver Umgang mit Mehrsprachigkeit. Das Angebot ist so nicht nur unter zweisprachigen Familien beliebt, sondern auch bei Eltern, die keinen Zugang zu einer der beiden Sprachen haben und ihrem Kind eine multilinguale Erziehung bieten wollen.

Eine weitere Dreiergruppe besuchte die zweisprachige Hermagoras-Volksschule und sprach mit der Direktorin über die Unterrichtsorganisation, die sprachlichen Praktiken und Kompetenzen der Schüler_innen und Lehrer_innen sowie das hohe Engagement der Elternschaft, auf deren Initiative die Gründung der Schule im Jahr 1989 zurückgeht. Aus dem Interview wurde deutlich, dass die pädagogische Umsetzung des erklärten Ziels, Slowenisch und Deutsch gleichermaßen in den Unterricht miteinzubeziehen und zu fördern, höchste Priorität besitzt. Im Unterricht werden deshalb die beiden Sprachen Slowenisch und Deutsch tageweise für alle Gegenstände zu jeweils gleichen Anteilen gebraucht, auch wenn zweisprachige Unterrichtsmaterialien nur sehr bedingt zur Verfügung stehen und daher größtenteils selbst erstellt werden müssen. Der mehrsprachige Spracherwerb vollzieht sich dabei spielerisch und automatisch, wobei der Heterogenität der sprachlichen Fähigkeiten im Unterricht und in der Leistungsbeurteilung Rechnung getragen wird. Und obwohl Slowenisch nur etwa für ein Drittel der Schüler_innen Familiensprache ist, entschließen sich mehr als zwei Drittel von ihnen, nach der Volksschule das Slowenische Gymnasium zu besuchen, um auch im schulischen Umfeld ihre Zweisprachigkeit weiter zu leben.

Der nächste gemeinsame Treffpunkt war am Abend beim Klub slowenischer Studentinnen und Studenten in Kärnten, dem KSŠŠK, anberaumt. In dem kleinen Lokal in der Innenstadt, in dem wir empfangen wurden, finden regelmäßige Treffen und Veranstaltungen des Klubs statt. In lockerer Atmosphäre bei Getränken und Snacks informierten uns unsere studentischen Gastgeber_innen über die Aktivitäten des Klubs, wir tauschten uns über das am Nachmittag Erlebte und Gesehene aus und hatten Gelegenheit, uns über den Unialltag zu unterhalten.

Anschließend ging es zu schon recht fortgeschrittener Stunde noch zu einem gemeinsamen Abendessen in einer Gaststätte im Stadtzentrum, bei der wir ob des immer noch haltenden Wetters im schönen Innenhof Platz nehmen konnten. Bald nachdem die Speisen serviert wurden, begann es dann jedoch zu regnen, wodurch sich der Heimweg zur Jugendherberge etwas unangenehmer gestaltete. Müde fielen wir nach dem ersten Exkursionstag in unsere Stockbetten.

Beim Frühstück am Dienstag herrschte im Speisesaal reges Treiben, da neben uns noch eine Gruppe aufgeweckter Schulkinder in der Herberge wohnte. Kurz nach 8 Uhr nahmen wir den Bus Richtung Slowenisches Gymnasium, welches wir auch nach Verpassen der richtigen Haltestelle sicher erreichten. Empfangen wurden wir im Gymnasium von der Direktorin, die über die große Bedeutung von Zeitgeschichte im Unterricht an ihrer Schule berichtete und auch sonst auf die Besonderheiten des Hauses hinwies. Sie übergab das Wort bald an einen Kollegen und verabschiedete sich zu einem weiteren Termin, wie das eben im Schulalltag so ist. Von ihrem Stellvertreter erfuhren wir einiges über den Unterricht am slowenischen Gymnasium: Die primäre Unterrichtssprache ist das Slowenische, wobei dem Prinzip der Immersion folgend auch einige Stunden auf Italienisch oder Deutsch abgehalten werden. Da die Anschaffung slowenischsprachiger Lehrbücher nicht vom Staat Österreich gefördert wird, liegen die meisten Unterrichtsmaterialien auch hier nur auf Deutsch vor. In den Pausen und auf dem Schulhof werden beide Sprachen gesprochen. Der Andrang nicht-slowenischsprachiger Kinder ist in den letzten Jahren enorm gestiegen, da das Unterrichtskonzept viele Eltern anspricht.

Nach der nächsten Pause wurden wir auf unkomplizierteste Weise zum freien Erkunden entlassen: Wir sollten in Kleingruppen einfach zu den Klassen gehen, anklopfen und sagen, dass uns der Besuch gestattet wurde. Gesagt, getan - leider erwischte eine Gruppe von uns prompt eine Klasse, die gerade eine Schularbeit schrieb. Aber bald wurden wir fündig und konnten unterschiedlichen Stunden lauschen, die, wie angekündigt, auf Slowenisch gehalten wurden.

Direkt auf der anderen Seite des Gebäudes führte unsere Tour in die zweisprachige Handelsakademie für Schüler_innen ab der 9. Schulstufe. Im Unterschied zum Slowenischen Gymnasium wird die Unterrichtssprache in der HAK monatlich gewechselt, erfuhren wir vom Direktor. Nach einer Kaffeejause und einigen Informationen vom Direktor wurden wir erneut in kleinen Gruppen mit Lehrpersonen in Klassen entsendet. Eine Gruppe durfte so etwa eine Italienischstunde für Anfänger_innen anhören, während welcher sowohl von der Lehrerin als auch der Klasse spielend leicht ständig zwischen den drei Sprachen Deutsch, Italienisch und Slowenisch gewechselt wurde. Kurz vor dem Ende der Stunde mussten wir uns dann aber wieder aus den Klassen verabschieden, da unser Bus bereits vor der Schule wartete.

Nach einem schnellen Gruppenfoto bestiegen wir unseren Transport nach Bad Eisenkappel/Železna Kapla. Die Fahrt zum Alpgasthof Riepl-Lenzhofer/Pri Riplnu-Lenzhofer, Koprein-Petzen war recht kurvig, sodass einige Kolleg_innen etwas erblasst am Ziel ankamen. Ein weiterer Wetterumschwung bewahrte uns vor dem Sonnenbrand auf der Terrasse und bei einem köstlichen Mittagessen mit tollem Panorama konnten wir die Erlebnisse des Vormittags Revue passieren lassen.

Zdravko Haderlap, der bereits zum Mittagessen zu uns stieß, empfing uns im Anschluss im Museum Peršmanhof, das nicht weit vom Alpgasthof liegt. Der Hof war im Jahr 1945 Schauplatz eines grausamen Massakers, bei dem beinahe alle anwesenden Personen ermordet wurden. Heute dient er als Gedenkstätte mit einer ausgesprochen interessanten Geschichte. In der alten Küche des Hauses nahmen wir in einem großen Kreis Platz, durften uns selbst Kaffee kochen, und Herr Haderlap begann zu erzählen. Nicht nur berichtete er eindringlich von den Geschehnissen 1945, sondern ergänzte seinen Bericht mit Hintergrundinformationen zum historischen Kontext sowie persönlichen Bezügen. Auch die anschließende Vergangenheitsbewältigung und die heutige Gedenkstätte wurden thematisiert. Am Ende blieb noch etwa eine halbe Stunde für einen Rundgang durch das eigentliche Museum, in welchem Fototafeln, kurze Videos und Infotexte zu sehen sind. Die Intensität des dichten Programms mitsamt seiner vielen Informationen und Eindrücke war der Gruppe dabei langsam anzusehen, und so traten wir gegen 18 Uhr die Rückfahrt mit dem Bus zum Bahnhof in Klagenfurt/Celovec an, von wo aus wir mit dem Zug wieder zurück in Richtung Wien rollten.

Es lässt sich abschließend festhalten, dass die Exkursion nach Kärnten einen ebenso unterhaltsamen wie aber auch lehrreichen Beitrag im Rahmen des Studiums leistet. Die in der Fachliteratur behandelten Forschungsfelder der Zwei- und Mehrsprachigkeit, des Sprachkonflikts sowie die sprach(en)politischen Einflüsse auf die besuchten Ortschaften und ihre Bewohner_innen werden in keiner anderen Lehrveranstaltung so anschaulich vermittelt. Für ein erneutes Angebot der Exkursion seitens des Instituts im kommenden Sommer möchten wir an dieser Stelle also ausdrücklich plädieren, allen Mitstudierenden die Teilnahme empfehlen und uns bei allen gastfreundlichen und mitteilungsfreudigen Menschen in Klagenfurt und Umgebung herzlich bedanken.